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Ich will einen Hund aus dem Tierheim!

Katja@pixabay.com


Ich will einen Hund aus dem Tierheim!

... oder: Warum man manchmal nicht das richtige Herrchen/Frauchen für einen Tierschutzhund ist ...

Aber ich will doch helfen!

Jeden Monat so um den Fünften herum, wenn die neue Ausgabe eines bekannten Hundemagazins herauskommt, wird Superhero-Herrchen nervös.

 

Er weiß nämlich, dass sich Helikopter-Frauchen wie selbiger auf das Heft stürzt und hektisch bis zum hinteren Drittel durchblättert. Nein, nicht zu den aktuellsten Must haves für modische Gassigänge oder die neuesten Farbtrends bei Hundehalsbändern. Das Helikopter-Frauchen interessiert sich erstmal nur für eins: Die Vorstellung der ‚Sorgenkinder‘ aus dem Tierschutz.

 

 

 

'Jetzt guck doch mal, wie traurig der guckt!'

Katja@pixabay.com

Ich geb’s ja zu.

 

Der Anblick dieser Fellnasen, die mich aus großen, traurigen Augen so vorwurfsvoll angucken, erzeugt bei mir regelmäßig ein richtig schlechtes Gewissen.

 

Das schlechte Gewissen nämlich, seinerzeit (sprich vor über drei Jahren) die falsche Entscheidung bei der Auswahl des neuen vierbeinigen Familienmitglieds getroffen zu haben.

 

 

 

 

'WHAT?!?!?'

Nein, natürlich haben wir NICHT den falschen Hund!

 

Wir haben genau den Hund bekommen, der hundert Prozent perfekt zu uns passt. Ob Sophie das auch so sieht, können wir nicht beurteilen – aber wir geben uns Mühe.

Wirklich.

 

Unsere Bichon-Prinzessin ist uns mittlerweile so ähnlich, dass wir uns selber wundern. Sie hat genau wie wir ihre durchgeknallten Momente, in denen sie ihr Leben komplett unbeschwert genießt, und genau wie wir grübelt sie dann wieder still über Gott und die Welt (wenigstens sieht es danach aus). Mit netten Hunden hat sie total viel Spaß, um andere, nicht so nette, macht sie einen Riesenbogen. Massenansammlungen auf dem Hundeplatz findet sie genauso furchtbar wie wir die Vorstellung, an einem sonnigen Sonntagnachmittag über die überfüllte Wiesn geschoben zu werden. Und über einen gemütlichen Abend auf dem Sofa mit einem schönen, spannenden Film geht bei uns allen (fast) nix …

 

 

 

'Kommt einer von Euch an die Fernbedienung ran?'

Es wäre perfekt mit uns drei, wenn – ja, wenn nicht dieses Stimmchen im Hinterkopf wäre, das beim Anblick der ‚Wir brauchen deine Hilfe!‘-Fotos zu quengeln beginnt.

 

So, wispert das Stimmchen gehässig, schau Dir mal ganz genau an, wie der arme Hund da guckt. Der würde sich ein Loch in den Bauch freuen, wenn er zum ersten Mal in seinem Leben ein richtiges Zuhause bekäme, ruhig, sauber und durchstrukturiert (na ja, meistens), mit einem (nein, fünf!) Hundekörbchen (in jedem Zimmer eines …), den Futternapf voller gesunder Sachen, lange Spaziergänge in freier Natur direkt ab Haustür, Auslauf satt im eigenen Garten - und natürlich einen Platz auf dem weichen, kuscheligen Sofa. Aber nein, DU hattest ja Schiss. Wegen der Größe und der Zugkraft von dem bisschen Schäferhundmix, den kleinen Problemchen wie Dauerbellen, Aggression gegenüber Artgenossen und/oder Menschen, den Krankheiten ...

Stattdessen musste es ja ein Welpe aus einer tollen Privat-Zucht sein, reinrassig und vom ersten Moment seines Lebens an versorgt, verwöhnt und gepampert bis hin zum rosafarbenen Welpen-Halsband. Ach ja, und knapp über Dackelgröße. Wegen der Zugkraft und so. Schäm dich.

 

Und das tue ich dann auch. Ausgiebig.

 

Also, dann mal zurück in die Vergangenheit. Wie war das doch gleich mit der langwierigen Suche nach dem Hund ‚fürs Leben‘?

Auf der Suche nach dem 'richtigen' Hund

Nein, wir haben es uns wirklich nicht leicht gemacht auf unserer Suche nach dem Hund 'fürs Leben'. Wochen- ach, was - monatelang! haben wir Ratgeber gekauft (und sogar gelesen :-) ), im Internet rauf und runter recherchiert, Freunde befragt ...

 

Irgendwann kam dabei eine 'Wunschliste' heraus - ich nenne sie der Einfachheit halber

 

Die Feenstaub- und Einhornglitzer-Liste

 

 

 

Mit ein bisschen Magie geht alles leichter ...

Unser Traumpartner auf vier Pfoten sollte also folgende Eigenschaften haben (wie gesagt, wir sprechen über Feenstaub und Einhornglitzer :-) ):

  • Maximal mittelgroß

  • Leicht erziehbar (wuahahaha …) – sprich: auch für ambitionierte Hundeanfänger geeignet

  • Folgsam (noch besser …)

  • Verzeiht auch mal Anfängerfehler in der Erziehung (ich sag nur 'Konsequenz' …)

  • Nicht aggressiv (also lahmfromm)

  • Freundlich zu Mensch und Tier

  • Ruhig (kein Kläffer)

  • Kuschelbedürftig

  • Sensibel (was Frauchens Gefühlslagen angeht) und gleichzeitig nervenstark (bei allen anderen Einflüssen)

  • Pflegeleicht (täglich Staubsaugen und nass Aufwischen? OMG!)

  • Ohne Jagdtrieb

  • Keinen zu großen Bewegungsdrang (wenn die Gassirunde mal etwas kürzer ausfallen muss)

  • Kein rassereiner Hund w/möglicher Erbkrankheiten und Überzüchtungen 

Hab ich was vergessen?

 

Tja, mit dieser Wunschliste führt der Weg eigentlich nicht ins nächste Tierheim, sondern in die Spielwarenabteilung zu den Plüschtieren …

 

 

 

Voilà! Der perfekte Hund ... :-)

 RitaE@pixabay.com

Nein, im Ernst. Wir sind nicht perfekt, warum sollte es ein Hund sein müssen? Zusammen würden wir das Abenteuer schon packen – und an das tägliche Staubsaugen gewöhnt man sich ja auch …

 

Wir durchstöberten also wochenlang die Internetseiten der örtlichen und ausländischen Tierschutzorganisationen – irgendwo musste er doch gerade auf uns warten, unser netter, kleiner Hund aus schlechten Verhältnissen …

Wir würden ja auch mit ihm in die Hundeschule gehen, wenn’s noch Erziehungsdefizite gäbe, wir würden ihm ganz viel Zeit zur Eingewöhnung geben, erstmal alles in Ruhe zusammen angehen, und wenn er mir doch bis zur Hüfte reicht – überhaupt kein Thema.

 

Nur: Er wartete nirgends.

Weder in der näheren Umgebung noch irgendwo in Griechenland, Rumänien oder Spanien.

 

Was uns dafür erwartete, war eigentlich das komplette Gegenteil der Liste – manchmal sogar in einem einzigen Hund vereint. Und das ist eigentlich ganz schön viel Problem auf einmal, vor allem für Anfänger mit angelesenem Halbwissen. Unsere Euphorie zerplatzte in wenigen Wochen wie eine Seifenblase. Eine Rottweiler-Mastiff-Mischung, die Männer, Kinder, andere Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Müllautos und Fahrräder hasst, jedes sich bewegende Blatt in anderthalb Kilometer Entfernung niederkläfft und in einem großen, mit meterhohem Zaun gesicherten Gartengrundstück untergebracht werden sollte? Logisch, dieser Hund braucht absolut erfahrene, willensstarke Frauchen, die ihm nichts durchgehen lassen (und möglichst ein Medizinstudium absolviert haben, um die häufigen Bisswunden selbst nähen zu können).

Ich wollte eigentlich nicht wegen einem Hund die Scheidung einreichen müssen, und beim Anblick von Blut wird mir immer schlecht.

 

Wir scrollten über hunderte von Steckbriefen, staunten über Größe und Gewicht der adoptionswilligen Hunde, wunderten uns darüber, was eine Fellnase alles nicht mögen kann - und stolperten praktisch ständig über diesen einen, verhängnisvollen Satz: ‚nur für Interessenten mit Hundeerfahrung‘.

 

Und das waren wir nicht.

 

Definitiv nicht. 

Und erstens kommt es anders ...

Die Verzweiflung wuchs – vor allem bei mir. Wo war der Hund, in den man sich auf den ersten Blick verliebt? Von dem man automatisch spürt, dass es der richtige Seelenverwandte ist? Bei dem es sofort ‚Klick‘ macht? Die Hundezeitschriften waren voll mit diesen Berichten, und alle gingen – vielleicht nach ein paar kleineren Anfangsschwierigkeiten – gut aus. Mit jedem Malinois aus polizeilicher Sicherstellung, jedem Bullterrier mit Beißerfahrung, jedem Labrador-Mix mit einer höheren Ausbruchsquote als Billy the Kid im Wilden Westen sank meine Hoffnung auf einen Hund aus dem Tierschutz.

 

Irgendwann wurde ich kleinlaut – und begann auf den Züchterseiten kleiner Hunderassen zu surfen. Natürlich heimlich.

 

Und es machte endlich ‚Klick‘. Vom Wesen, der Größe und den rassetypischen Eigenschaften her war ein Bichon frisé genau der richtige Hund für uns – und in keinem einzigen Tierheim deutschlandweit zu finden.

 

Und so sprangen Superhero-Herrchen und ich eines schönen Sonntags ins Auto, um knapp hundertzwanzig Kilometer hin und hundertzwanzig Kilometer zurück zu düsen (bzw. auf der Autobahn im Stau zu stehen) – und in der Zwischenzeit schaffte es ein weißes Fellknäuel, Superhero-Herrchen innerhalb weniger Sekunden um die kleine Kralle zu wickeln (und mich sowieso).

 

 

 

 

'Gestatten? Sophie. Herzensbrecherin auf vier Pfoten.'

Ob Sophie alle Punkte der ‚Feenstaub und Einhornglitzer‘-Liste erfüllt?

 

Nö.

 

Aber sie ist ganz nah dran … :-)

 

Und trotzdem bleibe ich jeden Monat bei der ‚Herrchen gesucht‘-Seite hängen und träume davon, einer Fellnase, die bisher Pech im Leben hatte, ein glückliches neues Zuhause zu geben. Es kann nämlich auch gutgehen mit einem sogenannten ‚Problemhund‘ (blöder Begriff, ich weiß) aus dem Tierschutz. Telmos Geschichte hier ist der beste Beweis.

 

Inzwischen haben Superhero-Herrchen und ich ja auch eine Menge gelernt – aber als so richtig ‚hundeerfahren‘ bezeichnen wir uns noch lange nicht. Und einem Hund, der ganz dringend eine total konsequente, klare Ansprache braucht, um sich sicher zu fühlen bzw. nicht auf die Idee zu kommen, Nachbars Katze zu schreddern, tun wir nichts Gutes.

 

Aber wer weiß? Vielleicht macht es doch irgendwann mal ‚Klick‘, und Sophie erhält einen lieben, tollen Spielkameraden aus dem Tierheim – natürlich nur, wenn sie ihre Zustimmung gibt.

 

Bis dahin üben wir Konsequenz und klare Ansagen. Versprochen.

 

 

 

'Und ich übe schon mal mit meinem Schaf.'

Man kann ja auch sonst mal was Gutes tun ...

Außerdem gibt es ja noch andere Möglichkeiten, Gutes zu tun.

 

Ich mache ja sonst keine explizite Werbung, aber für den Begleithundedienst vom Malteser Hilfsdienst e.V. in Delmenhorst mache ich eine Ausnahme – denn für die Gruppe läuft noch

 

bis einschließlich Mittwoch, den 23.10.2019

 

ein tolles Crowdfunding-Projekt für ihr 'Begleiter auf zwei Beinen und vier Pfoten'-Angebot. Jeder Euro zählt, und für den Gegenwert von ein oder zwei Coffee to go (die in ihren Plastikbechern ja eh umweltschädlich sind …) macht man vielen Leuten eine Freude!

 

Schau doch mal hier bei den Maltesern vorbei - die machen übrigens alles ehrenamtlich ...

 

 

 

Ein tolles Projekt, finden Sophie und ich!

 @Heike Walter

Und wie sieht’s bei Dir aus? Hast Du eine Fellnase aus dem Tierschutz adoptiert?

 

Sophie und ich freuen uns riesig, wenn Du uns Eure gemeinsame Geschichte erzählst! Schreib uns einen Kommentar – oder gleich eine Mail, damit wir Dir auch direkt antworten können (wenn Du es uns erlaubst ;-) )!

 

Bis dahin alles Gute, hab eine wunderbare Zeit mit Deinem Vierbeiner – aus dem Tierheim oder vom Züchter ;-)!

 

Herzliche Grüße von

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Kommentare: 2
  • #1

    Christoph (Sonntag, 29 September 2019 16:13)

    Hallo Claudia, ihr hattet euch die Entscheidung ob Tierschutzhund oder nicht, nicht einfach gemacht. Das finde ich gut. Leider gibt es zu viele Menschen die sich eine solche Entscheidung viel zu leicht machen. Oft haben sie falsche oder viel zu hohe Erwartungen. Ich habe schon erlebt, dass ein Hund nach ein paar Tagen wieder abgegeben worden ist, weil er nicht stubenrein war. Ein Welpe sollte nach zwei Wochen wieder zurück, man hatte festgestellt, dass er doch zu anstrengend wäre. Viele Menschen vergessen auch, Hunde, sowohl aus einem deutschen Tierheim als auch aus dem Auslandstierschutz haben eine Vergangenheit, sie haben oftmals Erfahrungen machen müssen, die sie geprägt haben. Bei einer Vorkontrolle bin ich sogar schon gefragt worden, ob der Hund auch "fertig ausgebildet" sei.
    Es gibt tatsächlich Hunde, die sich vom ersten Tag an verhalten, als ob sie schon immer bei den neuen Haltern gewesen und nie ein Tierheim kennengelernt hätten. Das sind aber Ausnahmen und nicht die Regel. Die Regel ist es eher, dass eine Bindung aufgebaut werden muss und gegenseitiges Vertrauen. Auch ist es nicht selbstverständlich dass der Hund stubenrein ist und vielleicht zieht er auch wie eine Dampflock an der Leide oder hat wie unser Telmo eine panische Angst davor. Wenn man sich für einen Hund aus dem Tierheim oder dem Tierschutz entscheidet, darf man einen Hund erwarten und kein Meerschweinchen, Waschbären oder Eichhörnchen, mehr Erwartungen sollten es nicht sein. Man sollte aber wissen was Geduld ist, denn die wird man in aller Regel brauchen. Man braucht oft Durchhaltevermögen und muss mit Rückschritten klar kommen. Was auch absolut nicht schadet, Bereitschaft zu lernen. Absolut wichtig ist es soviel wie möglich über die Körpersprache von Hunde und natürliches Hundeverhalten zu lernen. Und bitte, ein Hund ist eine Lebewesen. Einfach einmal ausprobieren ob man mit diesem Hund klar kommt, um ihn, falls er doch nicht den Erwartungen entspricht, einfach wieder abzuschieben (hat wenigstens nich soviel gekostet wie der Hund von einem Züchter), ist ein No-Go.
    Antje und ich würden uns immer wieder für einen Hund aus dem Tierschutz und immer wieder für einen Angsthund wie Telmo entscheiden. Wir wissen was auf uns zukommen kann und was an Arbeit, Zeit und Geduld damit verbunden ist.
    Sollte ihr doch einmal einen Hund aus dem Tierschutz eine zweite Chance geben wollten, gebe ich euch gerne jede Hilfe die ihr braucht, vor und nach einer Adoption.

    Liebe Grüße vom Rhein,
    Christoph

  • #2

    Claudia & Sophie (Dienstag, 01 Oktober 2019 09:02)

    @Christoph: Hallo lieber Christoph! Wie schön, wieder von Euch zu hören! Deinem tollen Kommentar kann ich mich nur anschließen - da hast Du alles gesagt, was man zum Thema 'Hund aus dem Tierschutz' berücksichtigen sollte. Wie viele Menschen überlegen sich vorher nicht, was es bedeutet, einem Hund (egal ob aus dem Tierschutz, vom Züchter oder aus dem Hoppla-Wurf vom Nachbarn) ein Zuhause für viele Jahre zu geben! Das Resultat sieht man leider in den überfüllten Tierheimen oder auch auf den berühmt-berüchtigten Internet-Portalen, was mich immer sehr, sehr traurig macht (und Superhero-Herrchen nervös, weil ich dann wieder mal mit 'Guck mal, sollten wir den nicht retten?' ankomme). Super, wenn es auch solche Menschen wie Dich und Antje gibt, die sich erfolgreich auf das Abenteuer 'Hund aus dem Tierschutz' einlassen!
    Viele liebe Grüße an Euch drei und bis bald!